logo-verlag-st-peterStadtpfarrkirche zum hl. Ulrich - Wieselburg

Geschichte

Das Dorf Berg mit altem Pfarrhof nach einer Zeichnung von Josef Pfeiffer aus dem Jahr 1824

Die Schenkung von 976/979

Der Raum um Wieselburg ist alter Siedlungsboden, Funde reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Die kirchlichen Anfänge weisen möglicherweise bereits in die fränkische Zeit (Errichtung einer Holzkirche unterhalb des Kirchenberges im Tal nicht ausgeschlossen). Im Zuge des ottonisch-salischen Reichskirchensystems schenkte Kaiser Otto II. 976/979 dem später heilig gesprochenen Regensburger Bischof Wolfgang einen Platz am Zusammenfluss der Großen und Kleinen Erlauf, der „Zuisila“ genannt wurde. Der hl. Wolfgang sollte dort ein „castellum“ (= Fliehburg) errichten. Dies geschah ausdrücklich zum Schutz des Ortes Steinakirchen, der Mutterpfarre der ganzen Region, die schon seit der Zeit Karls des Großen zu Regensburg und Mondsee gehört hatte und durch die Ungarn-einfälle verödet gewesen war. Hier kümmerte sich Wolfgang nun aktiv um die bairische Wiederbesiedelung.

Die in der Urkunde erwähnte lateinische Bezeichnung „Zuisila“ („castellum ... qui vocatur zuisila“), althochdeutsch „Zwisila“, bedeutet „Zusammenfluss“ und ist eindeutig als Kirchenberg Wieselburg identifiziert worden. Wolfgang verstärkte wohl unter Einbeziehung einer um 900 entstandenen Befestigung die Wehranlage und ließ in der Mitte des bewehrten Platzes eine repräsentative Kirche errichten. Dieser auch als ottonisches „Oktogon“ bezeichnete achteckige Bau mit einer aufgesetzten Zentralkuppel ist in die heutige Stadtpfarrkirche integriert. Dieses früheste erhaltene aufrecht stehende Sakralgebäude aus der Babenbergerzeit wird von Historikern auch als „Steinerne Urkunde Österreichs“ (H. Birklbauer) bezeichnet. Ihre stattliche Bauform hängt sicher mit der von Bischof Wolfgang ausgeübten Missionstätigkeit in dieser Zeit zusammen. Geweiht wurde die Kirche wohl damals schon dem Augsburger Bischof Ulrich († 973), dem verehrten Lehrer des Bauherrn Wolfgang. 993 wurde Ulrich heilig gesprochen. Da Wolfgang im Jahr 994 starb, ist die Kirchenweihe für die Jahre 993 oder 994 anzusetzen.

Modell des ursprünglichen KirchenbergesDer Kirchenberg
Dieser mehr als 20 Meter hohe Geländesporn mit runder Fläche im Zwickel und einem Durchmesser von 120 Metern war von Natur aus nach zwei Seiten durch die steilen Uferböschungen der beiden Erlaufflüsse abgesichert. Ein halbkreisförmiger Wall mit Graben schloss die um 900 entstandene Anlage vom Hinterland ab. Deren nördlicher Verlauf wird heute noch durch die Wegbezeichnung „Burggraben“ (Zufahrt zum Friedhof) wachgehalten. Das in weiteren Bauphasen verstärkte, von einer massiven Bruchsteinmauer gekrönte Wallgrabensystem wurde durch einen turmartigen Rechteckbau (Wohn- und Fluchtort) an der höchsten Stelle des Geländes im Bereich des heutigen Durchgangs zum neuen Friedhof zusätzlich gesichert. Eine etwas ältere, wenn auch sehr kleine Wohnmöglichkeit bestand in dem u-förmigen Anbau an den westlichen Teil des Oktogons. Der Kirchenberg, wohl ein alter Kultplatz, war vorher nicht besiedelt, jedoch zu allen Zeiten begangen worden(Funde)!

Die Wehrfunktion des befestigten Kirchenbergs stand in engem Zusammenhang mit der Wirtschaftsfunktion. Die Anlage dürfte schon früh mit einem Markt verbunden gewesen sein. 1443 wurden die Marktprivilegien der Siedlung „St. Ulrich am Berg“, die in gotischer Zeit zum Dorf mit mehreren Wohnhäusern ausgebaut wurde, erstmals bestätigt; dies war insofern eine Besonderheit, als diese Rechte nicht der unterhalb gelegene Markt Wieselburg besaß, sondern die Siedlung am Kirchenberg. Erst 1913 kam das zur ehemaligen Pfarrherrschaft Berg gehörende Dorf Berg zur Gemeinde Wieselburg.

Die Pfarre
1107 schenkte Bischof Hartwig von Regensburg die beiden Kirchen Steinakirchen am Forst und Wieselburg dem Kloster Mondsee. Ab 1200 begann die Entwicklung der „Hauptfiliale Wieselburg“ zur Vollpfarre. 1235/1237 wird Wieselburg erstmals ausdrücklich als Pfarre St. Ulrich genannt, 1291 ein Pfarrer Chunrat namentlich erwähnt. 1706 ging die Pfarre Wieselburg vom Kloster Mondsee an den Bischof von Passau über. 1785 wurde sie landesfürstliche Pfarre. Die Pfarre gehört heute zum Dekanat Ybbs, wird vom Bischof von St. Pölten frei verliehen und umfasst im Wesentlichen das Gebiet der politischen Gemeinden Wieselburg Stadt und Land.

Die Pfarrherrschaft Berg
Als 1391 Bischof Johann von Regensburg der Pfarrkirche St. Ulrich zu Wieselburg „Grund und Boden des Kirchenfeldes und Kirchenberges samt der Grundherrschaft und Lehenschaft“ überließ, waren die herrschaftlichen Rechte über das Gebiet des Kirchenberges und der dazugehörigen Siedlung an die St.-Ulrichskirche übergegangen. Die so entstandene Pfarrherrschaft Berg, vertreten durch den jeweiligen Pfarrherrn, übte nun die Orts- und Grundherrlichkeit über das Dorf Berg bis 1848 aus. Im Jahr 1838 bestand die Rotte Berg aus sechs Häusern, dem Pfarrhof und dem Schulhaus. Das Landgericht übte die Herrschaft Purgstall aus, die Konskriptionsobrigkeit hatte die Herrschaft Rottenhaus.

Zur Baugeschichte der Stadtpfarrkirche
Archäologische Untersuchungen und Ausgrabungen, die anlässlich der Kirchenerweiterung nach dem Brand von 1952 unter der Leitung von Dr. Hertha Ladenbauer-Orel in den folgenden Jahren durchgeführt wurden, führten zur Entdeckung des ottonischen Zentralbaues, der bisher als romanischer Karner gedeutet worden war, und zur Klärung der Baugeschichte. Die heutige Baugestalt der Kirche ist im Wesentlichen das Ergebnis dreier Bauperioden aus ganz unterschiedlichen Zeiten.

Das ottonische OktogonOttonisches Oktogon, die „Steinerne Urkunde Österreichs“
Den Urbestand der Kirche bildet das aus ottonischer Zeit stammende „Oktogon“, 993/994 konsekriert. Dem würfelförmigen Bau von 8,70 m Seitenlänge mit Kreuzarmen ist ein achteckiger Teil mit einer Zentralkuppel aufgesetzt worden, daher der Name „Oktogon“.  Diese bevorzugte Bauform byzantinischer Kirchen um 900 erinnert auch an oberitalienisch-lombardische Parallelen (Taufkirche San Ponzo Canavese in Lomello, San Lorenzo in Settimo Vittone). Nach Auffassung der Kunsthistorikerin Renate Wagner-Rieger geht St. Ulrich mit seiner Zentralbauform als Kirche des hl. Wolfgang auf die Tradition der Herrschaftskapelle zurück; man denke an die berühmte Pfalzkapelle in Aachen, einen Zentralbau aus der Karolingerzeit, der auch beeinflusst war von San Vitale in Ravenna (6. Jh.), einem der bedeutendsten frühchristlichen Kirchen Westeuropas im spätantiken byzantinischen Baustil. Dazu kommt: Die Höfe der sächsischen Kaiserdynastien waren byzantophil. Die Gemahlin Kaiser Ottos II., Theophanu, war eine Nichte des oströmischen Kaisers. Dieses Oktogon ist das älteste, noch mit Wölbung aufrecht stehende Architekturdenkmal Österreichs.

Spätgotischer Kirchenbau, um 1500
Erst in spätgotischer Zeit wurde die frühmittelalterliche Kirche aufgrund der zunehmenden Bevölkerungszahl wesentlich vergrößert. Man entfernte drei Achtel des ottonischen Zentralbaus und öffnete diesen nach Westen. Nach Abtragen des dortigen Seitenarmes wurde eine vierjochige, zweischiffige Halle als Langhaus an den verbliebenen Altbestand gesetzt, der nun als Presbyterium (Altarraum) diente. Drei achteckige Mittelpfeiler tragen das Kreuzrippengewölbe, ein spitzbogiger Triumphbogen vermittelt den Übergang zum Oktogon. Als zeitlicher Rahmen für die Bauzeit gelten drei Jahreszahlen: ein ehemals oberhalb der Sakristei eingemauerter Ziegelstein mit der Datierung „1493“, ein 1517 zugunsten des Kirchenbaues ausgestellter Ablassbrief des Passauer Bischofs sowie die Zahl „1555“ auf den beiden Steinschilden über dem Triumphbogen. Letztere weist darauf hin, dass sich die Bauarbeiten an der um 1517 wohl schon weitgehend vollendeten Kirche nach den Türkeneinfällen ins Erlauftal 1529 und 1532  sowie den Glaubensauseinandersetzungen noch bis in die Jahrhundertmitte hinzogen. Der Kirchturm stammt im unteren Teil ebenfalls aus spätgotischer Zeit. Der Turmhelm mit seinem charakteristischen Rautenspitzdach erhielt seine heutige Form aber erst 1873. Die Gesamthöhe des Turmes beträgt 47,5 Meter. Hinter spitzbogigen Schallfenstern hängt das aus vier Glocken bestehende Geläute (Stimmung es-g-b-c).

 „Neue Kirche“ (zweiter Erweiterungsbau), 1953–1958
Die Zerstörungen nach dem 1952 durch eine Blitzschlag ausgelösten Kirchenbrand waren der unaufschiebbare Anlass, die schon früher aus Gründen der Platznot erforderliche Kirchenerweiterung anzugehen. Nach Planung des St. Pöltener Architekten FRANZ BARNATH wurde der gotische Bau nach Süden durch vier Bögen geöffnet und ein geräumiger Saal angebaut. Er endet südlich mit einer an romanische Bauten erinnernden Apsiskalotte, während östlich die Sakristei und einige pfarrlich genutzte Nebenräume anschließen; darüber ragt die Orgelempore seitlich in das Kirchenschiff. Vier jochbogenartige Träger aus Eisenbeton, die sich als Wandpfeiler an den Seitenwänden herab fortsetzen, gliedern den Hauptraum. Das schmälere Presbyterium ist durch einen runden Triumphbogen deutlich abgesetzt. Die 1953 begonnenen Bauarbeiten, die in den schwierigen Aufbaujahren nur durch tatkräftige Mithilfe der Bevölkerung möglich waren, konnten mit der Kirchenweihe am 18./19. Oktober 1958 abgeschlossen werden.

Renovierungen
Seit 1991 wurde eine umfangreiche Kirchenrenovierung in drei Etappen durchgeführt: zunächst die Außenrenovierung der alten Kirche samt Turm und die behutsame Innenrestaurierung des Oktogons unter Leitung des Bundesdenkmalamtes – die Fresken wurden bewusst nicht ergänzt, sondern nur gereinigt und gefestigt. 1992 kam es dann zur Außenrenovierung der neuen Kirche. Zwei Jahre später folgten die Innenrenovierung samt Umgestaltung des Altarraumes der neuen Kirche sowie anschließend die Innenrenovierung der alten Kirche. Beide fanden rechtzeitig zur Jubiläumsfeier am 23. Oktober 1994 (Tod des hl. Wolfgang am 31. Oktober 994, Kirchenweihe 993/994) ihren Abschluss.

Blick vom zweiten Erweiterungsbau in den spätgotischen Kirchenraum

 
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