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ÜbersichtMichaelerkirche WienStil- und Baugeschichte
Stil- und Baugeschichte

4 verschiedene Baustile im rechten Seitenschiff auf einen BlickDie Michaelerkirche gehört der Spätromanik und Frühgotik an. Diese Epochen erreichten im Donauraum in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Unter dem Babenberger Herzog Leopold Vl. (1198–1230) wurden erstmals Bauformen der französischen Kathe-dralgotik nach Österreich gebracht und führten zum Entstehen der herzoglichen Stiftungsbauten. Auch die Zisterzienser wirkten bei der Vermittlung gotischer Stilelemente mit. Querrechteckige Gewölbejoche und Kelchknospenkapitelle fanden rasch Eingang in den heimischen Bauhütten. Unter Kaiser Friedrich II. (1212–1250), der in Sizilien geboren und aufgewachsen war, feierte dieser Stil eine Wiedergeburt.

Spätromanik 1220–1250
Diese Entwicklung fand in der Michaelerkirche ihren Niederschlag. Die Vierungspfeiler sowie die Kapitelle besitzen Übereinstimmungen mit dem 1217 vollendeten Querschiff der Klosterkirche in Lilienfeld. 1982 wurde ein weiteres spätromanisches Portal (Nordportal im Querschiff) freigelegt. Auf römischen und frühmittelalterlichen Ruinen wurde das dreischiffige Langhaus mit vorgebautem Querhaus und Chorquadrat mit Dreiapsidenabschluss nach Osten errichtet.

Frühgotik 1250–1300
Beim Wiederaufbau nach dem Brand von 1276 kamen vermehrt frühgotische Elemente in verstärktem Maß zum Durchbruch. Der Bau des Südwestturmes erfolgte über einer quadratischen Grundfläche.

Gotik 1300–1525
Nach dem Turmbrand von 1327 wurde auf dem Rest des viereckigen Turmes ein achteckiger mit drei Geschoßen aufgebaut. Die steinerne Turmspitze war mit Krabben geziert, wie die Ansichten Wiens von Hirschvogel 1547 und Lautensack 1558 zeigen. Die Neugestaltung der Kirche vollzog sich im Ostteil in folgenden Phasen: um 1340 Chorquadrat, um 1350/55 Kreuzkapelle (südlicher Nebenchor), 1404–1416 Hauptchor, um 1430 Werdenbergkapelle (nördlicher Nebenchor). Auf die Zeit der Gotik gehen auch die später unterteilten Zubauten an der Nordseite (Lukaskapelle, 1428) und an der Südseite (Sakristei vor 1379, Annakapelle vor 1484) zurück. Der große Stadtbrand vom Juli 1525 fügte der Kirche starke Schäden zu. Bis 1527 aber war sie größtenteils wiederhergestellt.

Renaissance 1590–1625/26
Nach dem Erdbeben vom 15. September 1590, bei dem die steinerne Turmspitze einstürzte, erhöhte der Steinmetzmeister Balthasar Burckhaußer den Turm von der Galerie weg um zwei Geschoße. Der Kupferschmied Hans Sulzer gab dem Turmhelm die heutige, überaus spitze Form. Außerdem wurde das Mittelschiff auf die gleiche Höhe des Ostchores gebracht, wodurch die Kirche ihren heutigen Dachstuhl erhielt.

Barock 1626–1725
Mit der Übergabe der Kirche an die Barnabiten begann für St. Michael das Barockzeitalter: 1627/29 Umbau des Nordchores (Werdenbergkapelle), 1633–1636 Abbruch des Lettners und Entfernung der meisten mittelalterlichen Altäre, 1637–1639 Umgestaltung des Zubaues an der Südseite der Kirche in drei Kapellen. Prunkvolle Ausstattung der Vesperbildkapelle, in die 1641 die gotische Pietà (1435/45) übertragen wurde. 1659 Unterteilung der früheren Lukaskapelle an der Nordseite. 1724/25 Portalvorbau an der Westfassade.

Klassizismus 1781–1826
Die Errichtung eines neuen Hochaltars 1781/82 bedingte die Umgestaltung des gotischen Hauptchores – das früheste Beispiel einer Regotisierung im Sinne einer Rokokogotik in Wien. 1791/92 wurde die Westfassade verblendet und aus Anlass der Gedenkfeier „200 Jahre Barnabiten in Wien“ erfolgten Neuerrichtungen und Angleichungen mehrerer Seitenaltäre im Klassizismus.

20. Jahrhundert
1935/36 wurde die spätromanische Turmkapelle restauriert und eine stilisierte Lourdesgrotte eingebaut. In einigen Seitenkapellen erfolgte die Aufstellung verschiedener Denkmäler: 1928 Kaiser Karl I., 1931 österreichische Marine, 1932 Landwehr-Offiziere. Eine umfangreiche Innenrestaurierung in den Jahren 1972/74 führte zur Freilegung von Fresken des 14. Jahrhunderts und brachte neue Erkenntnisse über die Wiener Wandmalerei dieser Zeit. 1972 wurde die Kreuzkapelle regotisiert. Im Hauptschiff ersetzen seit diesen Tagen moderne Thonetstühle die barocken Kirchenbänke.

21. Jahrhundert
2004 Beginn der Gesamtsanierung der unter der Kirche gelegenen Gruftanlage. Die Restaurierung der Glocke von 1525 und des Glockenstuhles erfolgten 2006, ebenso die aufwändige Wiederherstellung der gesamten Vesperbildkapelle. Die Restaurierung der Sakristei wurde zum Pfingstfest 2008 abgeschlossen.