logo-verlag-st-peterMaria Kirchental

Der Kirchenbau

Johann Ernst Graf von ThunBauherr und Baumeister
Johann Ernst Graf von Thun, von 1687 bis 1709 absolutistisch regierender Fürsterzbischof von Salzburg (67. Nachfolger des hl. Rupert) prägte als Bauherr ganz wesentlich das Salzburger Stadtbild. Im Dezember 1679 wurde er zum Bischof von Seckau ernannt (ein Salzburger Eigenbistum, das er umsichtig führte). Als Salzburger Erzbischof war Johann Ernst stets ein interessierter kunstliebender Kirchenfürst und Bauherr. Durch die Verbindung mit dem kaiserlich-königlichen Hofingenieur und Architekten JOHANN BERNHARD FISCHER VON ERLACH sind einzigartige Zeugnisse barocker Architektur in und um Salzburg entstanden. In der Stadt Salzburg sind neben der Dreifaltigkeitskirche auch die Universitäts- (Kollegien-), die Johan¬nes¬spital- und die Ursulinenkirche sowie die Wallfahrtskirche in Maria Kirchental meisterliche Zeugnisse barocker Sakralarchitektur.

1691 zelebriert Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun in der kleinen hölzernen Gnadenkapelle in Kirchental und tritt nicht nur als Wallfahrer und Marienverehrer, sondern auch als Gönner in Erscheinung. Der Kirchenfürst beschließt eine Kirche für das wunderwirkende Bildnis „Unsere Liebe Frau“ und die Wallfahrer, ein Gebäude für die Priester sowie die Stiftung eines Benefiziums zu errichten. Noch vor dem Bau der Marien-kirche entsteht von 1691 bis 1693 das Regentiegebäude in Kirchental für die Geistlichkeit, den Mesner und die Pilger.


Baugeschichte


Grundriss des Kirchenbaus

Grundriss des unter Mitwirkung von J. B. Fischer von Erlach entworfenen und von Maurermeister Stephan Millinger aus St. Martin bei Lofer ausgeführten Kirchenbaues:

A Hochaltar
B Seitenaltäre
C Barocke Kreuzigungsgruppe
D Priestergedächtniskapelle
E Wallfahrtsmuseum
F Beicht- und Aussprachezimmer


Die Bauzeit für die Wallfahrtskirche erstreckt sich von 1694 bis 1708. Der Maurermeister STEPHAN MILLINGER aus St. Martin bei Lofer nimmt eine zentrale Rolle als örtlicher Bauleiter und Koordinator ein. Die Grundsteinlegung erfolgt bereits 1694. In diesem Jahr schließt der Fürsterzbischof mit dem Architekten Fischer einen Vertrag ab. Als dieser 1695 nach Salzburg kommt, ist das Fundament für das Mauerwerk in Kirchental bereits gesetzt. Im April 1696 ist erstmals seine Mitwirkung an der Planung archivalisch belegt. Demnach erhält der Maurermeister Millinger in Salzburg von Fischer Pläne und Zeichnungen für Kirchental. Ein vorläufiger Bauabschluss für den barocken Sakralbau ist für den 7. November 1697 dokumentiert. Am 8. September 1699 findet die erste heilige Messe in der noch nicht vollendeten Kirche statt.

Das Gnadenbild wird im Zuge der Einweihung am Festtag Mariä Geburt zwei Jahre später, 1701, durch den Neffen des Fürsterzbischofs Graf Rudolf Josef von Thun, Bischof von Seckau, in die Wallfahrtskirche übertragen. Das Wappen über dem Eingangsportal im Dreieckgiebel weist auf den Erbauer des Gotteshauses hin. Die Arbeiten an der Hauptfassade können nach einer Bauunterbrechung von 1701–1705 im Jahr 1708 vollendet werden. Dies wird durch ein datiertes Votivbild, das die Leoganger Wallfahrtsprozession nach Maria Kirchental darstellt, anschaulich bestätigt.

Die Fassade der WallfahrtskircheBaubeschreibung und künstlerische Würdigung
Maria Kirchental zählt neben Maria Plain zu den beliebtesten Wallfahrtsorten im Salzburger Land. Die Kirche befindet sich oberhalb der Ortschaft St. Martin bei Lofer auf einer von bewaldeten Felsen umschlossenen Hochebene. Seit mehr als 300 Jahren pilgern Bayern, Salzburger und Tiroler zur Gnadenstätte Unserer Lieben Frau an den Ort der Ruhe und Andacht in wildromantischer alpiner Landschaft. Überrascht ist der vom Tal Kommende von dem barocken Gebäudeensemble und der stattlichen Erscheinung der Wallfahrtskirche. Durch die zwei¬geschoßigen Eckbauten und durch die fensterlosen Mauerflächen bei den Querarmen und der Apsidenwand wirkt das Kirchengebäude geschlossen und kompakt. Die vielen Grate, Achsen und Faltungen der Dachfläche sind für die alpine Hochlage außergewöhnlich, ebenso die Fensteröffnungen. Das ungewohnte äußere Erscheinungsbild wird durch den erhöhten, segmentbogigen Abschluss des Mittelteiles der Hauptfassade und die niedrigen Türme mit ihren zylindrischen Aufsätzen verstärkt.

Die Zweiturmfassade folgt einer tradierten Bauweise. Diese findet sich in der Fassade des Salzburger Doms, die 1655 unter Erzbischof Guidobald Graf Thun vollendet wurde, und in der Front der von Giovanni Antonio Dario errichteten Wallfahrtskirche Maria Plain (1671–1674) bei Salzburg. Eine Vertikalgliederung des Sakralbaues in Kirchental wird durch die leicht vorspringenden Türme mit Wandpilastern auf hohen Sockeln sowie die weitergeführte Pilastergliederung am Turmgeschoß erreicht. Die dreiachsige Anordnung und die längsrechteckigen Steingewände der Maueröffnungen betonen diesen Eindruck. In der Mittelachse der Putzfassade befindet sich das marmorumrahmte hohe Portal mit Dreiecksgiebel und Thun’schem Wappen. Den Eingangsbereich dominieren die hohen, nagelbeschlagenen Türflügel mit originalen Beschlägen und dem Oberlichtfenster. Das hochrechteckige Portal weist ein stattliches Ausmaß von fast vier mal sieben Metern auf. In der Mittelachse der Hauptfassade findet sich ein Vierpassfenster mit einem darüber von JOSEPH RATTENSPERGER gemalten Fassadenbild mit Sonnenuhr und den Tierkreiszeichen, bekrönt von der Kirchentaler Madonna.

Innenansicht der Wallfahrtskirche mit dem ursprünglichen Choraltar (links); Die Piazzetta in Venedig auf dem Votivbild eines Salzburger Kaufmanns von 1742 (rechts)

Innenraum
Der nobel wirkende, einheitliche Kirchenraum überrascht gleichermaßen durch das Raumvolumen, die Höhe und die Lichtführung. Am quadratischen Zentralraum mit Kreuzgewölbe sind der halbrunde Chorschluss sowie kürzere Querarme im Norden und Süden angefügt. Über dem hohen Sockel gliedern flache Pilaster beziehungsweise Doppelpilaster mit stuckierten Kompositkapitellen die Wandflächen. Über einem Architrav befindet sich ein stark profiliertes, ausladendes Kranzgesims, das den gesamten Innenraum umfasst. Es dient als Auflager für die Gurtbögen und das Tonnengewölbe, das lediglich über der Vierung als achtgratiges Kreuzgewölbe ausgebildet ist. Im Osten wird der Eingangsbereich durch die hoch eingezogene Orgelempore bestimmt.
Wesentliche Gestaltungselemente der Wandflächen sind neben den marmorierten Balkonen auch die schlanken Steingewände der Portale, die zu den Nebenräumen führen – links der Beicht- und Ausspracheraum, rechts die Priestergedächtniskapelle zur Erinnerung an die verstorbenen Wallfahrtsseelsorger. Die 25 Grabstätten im Kircheninneren sind durch weiße Pflastersteine gekennzeichnet. Der Barockraum ist architektonisch klar und streng gegliedert. Die zurückhaltende Verwendung von Stuck an den Kapitellen und die sparsame Stuckfeldergliederung an der Unterseite der Orgelempore lassen neben der klassischen Farbgebung des Raumes in gebrochenem Weiß und Grau keinen Zweifel an der Mitwirkung Fischer von Erlachs. Bemerkenswert ist das zum Zentralraum ausschwingende, kunstvoll aus verschiedenfarbigen Steinen von Johann Holzer gefertigte Speisgitter (1767) mit den flechtwerkartigen Balustern und drei ursprünglich farbig gefassten Schmiede¬eisentüren (1768) von Schlossermeister Johann Trauppmann in Salzburg.

Restaurierungen
Nach dem Abschluss der Bautätigkeit 1708 erfolgte im 18. Jahrhundert eine allmähliche Komplettierung des Inventars und oftmalige Reparaturen der Dachdeckung. Für den Innenraum sind vier Restaurierungsphasen bedeutend:

  1. 1856–1861 kam es nicht nur bei der Innenausstattung zu Veränderungen. Der 1744/46 erweiterte Choraltar wird durch einen größeren neubarocken Aufbau unter Verwendung älterer Teile ersetzt (Skulpturen von Johann Scheidl, Fassung von Josef Ettl aus Salzburg). Das Gnadenbild erhielt 1859 einen feuervergoldeten Strahlenkranz und 1860 fertigte man neue Kronen und ein Szepter an. 1861 wird die Genehmigung zum Bau einer Priestergruft erteilt.
  2. Für die 200-Jahr-Feier erhielt der Vergolder und Kirchenmaler Andreas Doser 1900–1901 den Auftrag zur Innenausmalung in grüngrauem Farbton mit reicher Dekorationsmalerei sowie zur Teilvergoldung der Pilasterkapitelle. Der Hochaltar wird überarbeitet, die Kreuzgruppe neu gefasst.
  3. Bei der Gesamtrenovierung unter Regens Franz Wimmer 1958–1960 ist die Dekorationsmalerei von 1900 entfernt und der neubarocke Hochaltar aus dem 19. Jahrhundert umgestaltet worden. Das Gnadenbild erhielt von Alfred Tschulnigg eine Neufassung und einen durchbrochenen neuen Strahlenkranz, umgeben von Engeln. Die jahrzehntelang gelagerten Votivbilder fanden teils in der Kirche, teils in der Votivkapelle eine Wiederverwendung.
  4. 1999–2002 erfolgte die letzte umfassende Innenrestaurierung. Denkmalpflegerische Zielsetzung war die Wiederherstellung der barocken Raumschale und ihrer originalen Farbigkeit sowie eine Verbesserung des Raumklimas. Der reiche Bestand an Votivbildern konnte inventarisiert, restauriert und gesichert werden.





 
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