logo-verlag-st-peterDie Kirchen der Wildschönau

Die Wildschönau

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„Die Wildschönau war einst ein See, in dem ein fürchterlicher Drache hauste. Ein Bauer tötete ihn durch List. Im Verenden biss das Ungeheuer den Felsen nach Kundl durch, und der See entleerte sich. So entstanden die Wildschönau und die Kundler Klamm.“

Diese Sage über die Entstehung unseres herrlichen Hochtales, die auch im Wappen der Gemeinde festgehalten ist, gehört in die Reihe der eschatologischen (= Untergangs-)Sagen, die gerade in den Alpentälern mehrfach zu belegen sind. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Vermutlich hat der Erzreichtum der Schieferalpen die ersten Menschen in diese Gegend gelockt. Trotz der bedeutenden spätantiken Grabungsergebnisse im Inntal (Kundl, Wörgl) und dem Verlauf einer wichtigen römischen Verbindungsstraße durch das Unterinntal konnten bislang noch keine Funde eine urgeschichtliche Dauersiedlung in der Wildschönau belegen; auch die Namen der Gewässer und Fluren enthalten keinerlei Reste einer vordeutschen Sprache.

Mit der Erwähnung eines Zeugen „Adelbertus de wiltsconenauwe“ in einer Urkunde des Jahres 1190 begegnen wir erstmals dem Namen des Tales, der sich wohl nicht von dessen wilder, romantischer Landschaft, als vielmehr von den „Witschen“ oder „Bitschen“ (= Stauden, Gebüsch) herleiten dürfte. Die wirtschaftlich bedeutendste Grundherrschaft stellte bis 1803 das oberbayerische Benediktinerkloster Seeon dar, dessen Besitz vom Talschluss bis zum Kragenjoch im Norden und dem Markbachjoch im Süden reichte und die heutigen Ortschaften Auffach, Mühltal und Oberau umschloss. Seeon verdankt seine Gründung im Jahr 994 dem Pfalzgrafen Aribo, dessen weitverzweigtes Geschlecht einen der mächtigsten Faktoren bei der Rodung des Ostlandes bildete. Ohne Zweifel stammt dieser große, geschlossene Besitz – einer der wirtschaftlichen Lebensnerven des Klosters – aus dem ursprünglichen Schenkungsgut des Gaugrafen. Als „Stift“ (= Naturalzins) hatte das Tal dem Abt von Seeon hauptsächlich Wein und Käse zu liefern. Als Erinnerung an diese Abgabenlieferungen jeweils am 22. November, zu welchen der Abt meistens persönlich erschien, dürfen wir den von ungelenker Hand gemalten Zug von sechs trabenden Pferden betrachten, der sich am Hauser Steingaden erhalten hat und die Jahreszahl 1632 trägt.

Neben der Landwirtschaft bildeten die Silber- und Kupfervorkommen eines der Haupterträgnisse der Bewohner. In der Zeit der höchsten Blüte (1550–1620) standen an den Abhängen des Gratlspitzes 40 Gruben in Betrieb. 1735 aber musste – wie fast überall in Tirol – der Bergbau gänzlich eingestellt werden. Noch in der wirtschaftlichen Krise der Zwischenkriegszeit mussten von 1933 bis 1938 unter Führung des Landwirtschaftsministers a. D. Andreas Thaler 512 Personen die Wildschönau verlassen, sie gründeten in Brasilien die Kolonie „Dreizehnlinden“, die noch heute besteht. Seit der Erschließung dieses Sonnentales in Tirol für den Fremdenverkehr erfreuen sich Jahr für Jahr mehr Menschen der Pracht und Ruhe dieses gesegneten Fleckchens Erde.

Da bis zum Bau der heutigen Straße (1894) der Hauptzufahrtsweg durch die Kundler Klamm nach Oberau führte, gehört das Tal immer noch in den kirchlichen Verband des Dekanates Reith im Alpbachtal und samt diesem spätestens seit 739 zum Gebiet der Erzdiözese Salzburg. Nur Niederau, das bis 1891 als Vikariat von Söll samt diesem zur Diözese Chiemsee gehörte, bildete hier eine Ausnahme.

Aus der Altpfarre Kundl wurde Oberau 1556 durch die Errichtung einer eigenen Seelsorge entlassen, gänzlich unabhängig jedoch zusammen mit Auffach erst 1891 mit der Erhebung zur selbstständigen Pfarre. Seitdem die Wildschönau 1504 aus bayerischem Besitz an Tirol kam, mussten die treuen Söhne des Tales ihre Heimat mehr als einmal gegen Feindesmacht verteidigen. Besonders in den Napoleonischen Wirren haben die„Wildschönauer Sturmlöder“unter ihrem An-führer Jakob Margreiter (vulgo Major Loy) 1809 Ruhmvolles geleistet.