logo-verlag-st-peterDie Kirchen der Wildschönau

Niederau: Pfarrkirche St. Sixtus und Oswald

detail-151891 wurde das 1631 zum Vikariat erhobene Niederau selbstständige Pfarre. Bis dahin gehörte es zur Pfarre Söll, obwohl zwischen den beiden das Brixental und das Gebiet von Itter liegt. Dies ist nur erklärlich, wenn der Maierhof, aus dem sich nach und nach Niederau entwickelte, zum Besitz desselben Adeligen gehörte, dem auch Söll seine Entstehung verdankt. Das überaus seltene Patronat des hl. Papstes Sixtus II. († 258) fügt sich gut in diesen Rahmen: Es ist als Ausstrahlung des spätantiken Laurentiuspatroziniums in Wörgl zu werten und gewiss schon verankert gewesen, bevor iroschottische Missionsmönche ihren Lieblingsheiligen St. Oswald († 642) zum Mitpatron bestimmten.

Die erste Erwähnung einer Kirche in Niederau geschieht in einer Urkunde von 1409. Der heutige Bestand des Gotteshauses zeigt deutlich verschiedene Bauperioden. Drei erhaltene Ablassbriefe (1475, 1476 und 1500), in denen von Umbauten die Rede ist, sowie das überlieferte Weihedatum von 1499 lassen uns den Großteil der Kirche im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden denken. Nur den chorständigen Turm, der in seinem Untergeschoss noch die gotische Sakristei erkennen lässt, weisen seine romanischen Biforenfenster noch als Teil eines früheren Baues aus; er dürfte um 1500 mit seinem schlanken Spitzhelm versehen worden sein. Am 23. März 1707 weiht der Chiemseer Bischof Siegmund Carl Graf Castel-Barco drei Altäre. 1740 wird wegen der Einsturzgefahr des Gewölbes der Schwazer Baumeister JAKOB SINGER gerufen. Er entfernt im Chor die Rippen und Dienste und zieht im Langhaus eine neue Stichkappentonne ein, wobei er sich aber an die gotische Jochteilung hält. Den qualitätvollen Stuck mit seinen Rosetten-, Laub- und Bandlwerkmotiven schuf Singers Bruder JOHANNgemeinsam mit ANTON GIGL. Die Fresken (Hl. Sippe, Engelkonzert, Abschied des Papstes Sixtus von seinem Diakon Laurentius) führteJOHANN GEORG HÖTTINGER aus Innsbruck  aus. In den ovalen Medaillons des Langschiffes sind die hll. Notburga (links) und Isidor (rechts) dargestellt (im Rahmen der Kirchenerweiterung abgenommen: Florian und Johannes von Nepomuk); in jenen des Presbyteriums die vier abendländischen Kirchenlehrer (Ambrosius, Augustinus, Gregor der Große und Hieronymus).

detail-16Doch auch dieses barockisierte gotische Kirchlein war für die ständig wachsende Bevölkerung dieses aufstrebenden Fremdenverkehrsortes viel zu klein geworden. So wurde die Kirche 1970 nach dem Plan von Architekt Prof. CLEMENS HOLZMEISTER nach Westen erweitert. Dazu musste ein Joch des alten Kirchleins abgetragen werden. Durch die Situierung der beiden Seitenaltäre in den Kapellen an der Nahtstelle zwischen Alt- und Neubau bindet sich letzterer mit seinem schwalbenschwanzförmigen Grundriss organisch an die vorhandene Bausubstanz an. Am 13. Dezember 1970 konnte Kirchweihe gehalten werden. Die in Händen von Arch. Mag. PETER SCHUH und Maurermeister FRANZ LUCHNER liegende Bauführung war auf eine bestmögliche Restaurierung des Altbestandes bedacht. So wurden die am 22. Juni 1707 geweihten Altäre von ihren späteren Veränderungen befreit und ihre originale Bemalung freigelegt. Der Hochaltar war schon 1676 von der KUFSTEINER ALTARWERKSTÄTTE (Bildhauer THOMAN EDER) geliefert worden. Nunmehr konnte auch das von MICHAEL WAGINGER gemalte ursprüngliche Altarbild wieder eingesetzt werden. Es stellt die Kirchenpatrone Papst Sixtus II. und den König Oswald dar. Als figuralen Schmuck zeigt der Hochaltar Johannes den Täufer und den Diakon Stephanus; im Auszug oben thront der hl. Petrus, Patron der Mutterkirche Söll. Der aus Oberndorf bei Salzburg stammende Tabernakel fügt sich gut in das Gesamtensemble. Den linken Seitenaltar schuf in Aufbau und Figuren (Sebastian und Rochus) wohl der in Mehrn bei Brixlegg ansässige Bildhauer MICHAEL MAYR (um 1700). Als Mittelbild schmückt ihn die Kopie des Innsbrucker Mariahilfbildes (von L. Cranach). Das Blatt des gegenüberliegenden St.-Anna-Bruderschafts-Altares (Anna selbdritt) malte JAKOB NIEDERKIRCHER in Rattenberg; die Statuen der beiden „Wetterherren“ Johannes und Paulus lieferte gleichfalls MICHAEL MAYR (1701). Den Aufbau fertigte vermutlich HANS MARKOPF (Brixlegg). Die gesamte moderne Einrichtung (Freialtar, Stühle, Ambo, dieser umgestaltet von Arch. Mag. PETER SCHUH) entwarf Prof. CLEMENS HOLZMEISTER. Die Orgel (17 Register) lieferte 1972 die Firma OETTL (Salzburg). Die Kreuzwegstationen schuf JOHANNFUCHS (Hopfgarten) 1842. Die beiden Statuen am Triumphbogen, die hll. Antonius von Padua (links) und Nikolaus (rechts) schnitzte FERDINAND STUFLESSER aus St. Ulrich im Grödnertal 1994. Von den vier Glocken goss die zweitgrößte BARTHOLOMÄUS KÖTTELAT 1657, die übrigen die Firma GRAßMAYR (1948), beide in Innsbruck. Das an der Außenseite der Kirche angebrachte Freskostammt von dem abgebrochenen Teil der Kirche. Es stellt den hl. König Oswald dar, wie er beim Mahl Gaben verteilt. Die Alte Sakristei wurde 1970 abgerissen und nach Osten vergrößert neu gebaut. Zugleich mit der Kirchenerweiterung wurde der Friedhof erweitert und sehr geschmackvoll neu gestaltet; der vergrößerte Neubau der Totenkapelle entstand 1991 nach Plänen von Arch. Mag. PETER SCHUH.


Burgstallstein
Der Name des etwa 80 m hohen, steil abfallenden Bergkegels dicht neben der Straße nach Wörgl deutet noch auf die einstige tirolische Grenzbefestigung gegen das früher salzburgische Brixental. Die Wallfahrtskapelle zu Ehren der Schmerzhaften Muttergottes wurde 1708 von NIKOLAUS HOLLRIEDERerbaut. Einige Votivbilder des 18. und 19. Jahrhunderts sind beachtenswert. Nach wie vor gibt es lokalen Wallfahrtszuzug zu diesem romantisch gelegenen Heiligtum.